Gerade bei der sonntäglichen Netzlektüre entdeckt und dann direkt mal los geschrieben: Fremde in der Küche – Wohngemeinschaften in NYC.
Es geht darum, dass das wohnen in WGs, eigentlich ja eine Wohnform aus der Studentenzeit, für viele in New York lebende Menschen bis ins fortgeschrittene Alter hinein zur Normalität geworden ist.
Wechselnde Partnerschaften, unregelmässige Einkommensverhältnisse, der Anspruch immer flexibel zu sein zwingen diejenigen New Yorker, die nicht bei einer großen Anwaltskanzlei oder an der Wall Street arbeiten und sich damit ein 45 Quadratmeter großes Einzimmer-Appartment für 2500 Dollar (rund 1870 Euro) leisten können, sich einer ungewohnten Situation anzupassen.
Bedingt durch den eigenen Lebensstil der Unabhängigkeit und die Möglichkeit zur Selbstverwirklichung gegen Stabilität und Bindung eintauscht und extrem hohe Mieten, werden Menschen also dazu gezwungen sich ihre Wohnung mit Fremden zu teilen und müssen dabei oftmals auf ihre Privatsphäre verzichten.
Soziologisch gesehen ist das ziemlich spannend.
Die Wohnung, das “zu Hause”, hatte für Menschen in den letzten Jahrzehnten eine wesentliche Funktion, nämlich die der Privatheit. Nachdem durch das Entstehen der Lohnarbeit, beginnend im Mittelalter, der Lebenszusammenhang der Wohn- und Arbeitsgemeinschaft auseinander gerissen wurde, entstand aus der Wohnung der Raum für die neue Kleinfamilie. Ein “trautes Heim”, dass die emotionale Lebensmitte der Familie sein sollte “eine Insel” vollständiger Privatheit und intimer Geborgenheit.
In der Realität der engen städtischen Armenquartieren, existierte dieses Idealbild jedoch noch nicht. Das Leben spielte sich zu dieser Zeit im wesentlichen auf der Straße ab, in Hauseingängen und Höfen, aber auch in den Kneipen und Läden um die Ecke. Die Chance auf Privatsphäre war hier noch sehr gering und doch sorgten die technischen, sozialen und hygienischen Probleme dichten Zusammenlebens von immer mehr Menschen dafür, das sich erst Scham- und Peinlichkeitsschwellen entwickelten, worauf der Ausschluss der Körperlichkeit aus der Öffentlichkeit folgte und schließlich in der “Verhäuslichung der Vitalfunktionen” (Gleichmann) endete.
Der Erfolg der (Etagen-)Wohnung liegt in der Realisierung der zentralen Bürgerlichen Wohnkonzepte: die strikte Abtrennung von Dritten durch eine individuelle Schwelle und Wohnungstüre zum Schutz der Intimität und Privatheit der Familie; die Differenzierung im Gebrauch der Räume einschließlich der Trennung der Kinder nach ihrem Geschlecht; der Ausschluß aller Familienfremden.
Auch hier in Berlin nimmt die Anzahl der Menschen die in WGs wohnen stetig zu. Selbst die “Zitty” hat dem Thema bereits eine Ausgabe gewidmet. In Berlin sind die Lebenshaltungskosten bekanntlich noch recht niedrig, aber die Anzahl der Wohnungen die in den begehrten Kiezen existiert ist einfach begrenzt. Und so teilen sich auch im Prenzlauerberg und in Mitte Menschen ihre Wohnung. Für sie sind die Bürgerliche Wohnkonzepte überholt. Man lehnt sie nicht ab, aber man strebt selbst nach etwas anderem.
Die Unsicherheiten einer, wie auch immer genannten, modernen Gesellschaft sind längst inkorporiert und man hat sich seine eigene individuelle Überlebensstrategie zusammen gebastelt.
Das WG-Zimmer ist das Wohnzimmer, für viele auch Arbeitszimmer, und Schlafzimmer zugleich. Nur gekocht und gegessen wird, wenn überhaupt noch, aber das ist ein anderes Thema, in einer mal größeren mal kleineren gemeinsamen Küche. Dort begegnet man dann vielleicht seinem Aussie-Mitbewohner der, obwohl seit zehn Jahren in Berlin lebend, immer noch kein Deutsch kann oder dem Portugiesen der für drei Monate ein Projekt in der Stadt hat und wohl bereits seit mehreren Jahren seinen dreißigsten Geburtstag feiert. Ihre Zukunft ist gekennzeichnet durch Unwägbarkeiten und Unsicherheit, die eine exakte Lebensplanung unmöglich macht. Urbane Penner eben, wie Mercedes Bunz so schön sagt.
Der Wunsch nach Kindern ist ein ebenfalls eine Art “Projekt” das man irgendwann mal realisieren will wenn man Zeit und einen passenden Partner findet. Und kommt es dann geplant oder ungeplant doch dazu, ist es für die Eltern kein Problem, wenn das Kind in einer WG aufwächst. Daraus zu schließen, dass WGs die moderne Ersatzfamilie für scheinbar überkommene traditionelle Strukturen sind, ist jedoch zu kurz gegriffen. Denn das “zusammen leben” in einer WG ist von begrenzter Dauer. Geht einem der WG-Bewohner das ständige Kindergeschrei auf die Nerven, so sucht er sich eben einen anderen “Raum”.
Die Antwort auf diese neuen gesellschaftlichen Anforderungen könnte in einer neuen räumlichen Verortung der Privatheit zu finden sein. Das Konzept der Privatheit ist immer an das Indivduum gekoppelt hatte, jedoch eine in der modernen Gesellschaft eine räumliche Komponente. In der individualisierten Gesellschaft ist die Privatheit nun allein an das Indviduum gekoppelt. Anstatt dass Privatheit an einen bestimmten Ort gebunden ist, verlagert sie sich nun in einen “Raum” um das Individuum herum und bewegt sich gemeinsam mit dem Individuum von Ort zu Ort.
Das Individuum nimmt seine Privatsphäre auch mit in den Cyberspace auf Reise. Und so zeigt sich gerade in der Online-Welt das große Bedürfniss nach Privatheit und Privatsphäre und einem geschätzten Rückzugsort. Im Second Life bauen sich die User ihr “trautes Heim” und investieren tausende Linden-Dollar (330 Linden Dollar = 1 Euro) in die Sicherung ihrer Privatsphäre.
Privacy goes virtual!
Wer es genauer wissen möchte:
Gleichmann, Peter 1998: Wohnen. In: Häußermann, Hartmut (Hrsg.): Großstadt – Soziologische Stichworte. Opladen: Leske und Budrich, S. 270 – 278
Häußermann, Hartmut 1999: Neue Haushalte – Wohnformen zwischen Individualisierung und Vergemeinschaftung. In: Neue Wohnformen, herausgegeben von der Wüstenrotstiftung, S. 12 – 21
Häußermann, Hartmut/ Siebel, Walter 1996: Soziologie des Wohnens. Eine Einführung in Wandel und Ausdifferenzierung des Wohnens. München: Juventa-Verlag
Von Saldern, Adelheid 1997: Im Hause, zu Hause. Wohnen im Spannungsfeld von Gegebenheiten und Aneignungen. In: Reulecke, Jürgen (Hrsg.): Geschichte des Wohnens, Band 3, 1800-1918, Das bürgerliche Zeitalter, Deutsche Verlagsanstalt, S. 145-332
Wischermann, Clemens 1997: Mythen, Macht und Mängel: Der deutsche Wohnungsmarkt im Urbanisierungsproze. In: Reulecke, Jürgen (Hrsg.): Geschichte des Wohnens, Band 3, 1800-1918, Das bürgerliche Zeitalter, Deutsche Verlagsanstalt, S.335-636
Wellman, Barry 2003: The Internet in everyday life. Blackwell Publishing, Malden MA (u.a.), reprinted edition.
Turkle, S. 1999: Leben im Netz: Identität in Zeiten des Internet. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg.
Rössler, Patrick/ Wirth, Werner 1999: Glaubwürdigkeit im Internet. Fragestellung, Modelle, empirische Befunde. In Reihe Medien-Skripten Nummer 32. Fischer, München.
Virtuelle Welten
Rheingold, Howard 1992: Virtuelle Welten — Reisen im Cyberspace. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg.
Köhler, Thomas 2003: Das Selbst im Netz – die Konstruktion sozialer Identität in der computervermittelten Kommunikation. Westdeutscher Verlag, Wiesbaden.
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